Seit Jahrhunderten besitzt das Böse einen Namen.
Satan.
Verführer. Widersacher. Fürst der Finsternis. Jene Gestalt, die flüstert, wenn der
Mensch sündigt, und der man nur allzu bereitwillig zuschreibt, was man in sich
selbst nicht wahrhaben möchte.
Doch was, wenn Satan niemals die Ursache unseres Abgrundes war? Was, wenn er
lediglich dessen Gesicht wurde?
Kein Teufel musste dem Menschen beibringen zu morden. Kein Dämon lehrte ihn
Gier, Neid oder Grausamkeit. Für Kriege, Folter, Unterdrückung und Verrat
benötigte unsere Spezies selten übernatürliche Hilfe.
Wir vermochten all dies erstaunlich gut allein.

Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Genialität Satans als menschliche
Vorstellung: Wir erschufen ein Wesen, dem wir jene Eigenschaften überlassen
konnten, die nicht zu unserem Selbstbild passen wollten.
Der Mensch blieb Gottes Ebenbild. Das Monster bekam Hörner.
Doch entfernt man Schwefel, Hölle und Dreizack, bleibt eine unangenehme Frage
zurück:
Wenn Satan uns nicht zum Bösen verführt – wer trägt dann die Verantwortung?
Vielleicht ist der Teufel deshalb weniger die Wurzel allen Übels als dessen Spiegel.
Und möglicherweise fürchten wir seit Jahrhunderten nicht, dass Satan eines Tages
unter uns erscheint. Sondern den Augenblick, in dem wir erkennen, dass wir ihm viel
zu oft unser eigenes Gesicht gegeben haben.
Denn womöglich besteht die größte List des Teufels nicht darin, uns glauben zu
lassen, dass er nicht existiert. Sondern darin, dass der Mensch ihn benötigt, um
nicht erkennen zu müssen, woher seine Dämonen wirklich stammen.
— Alexandre Dusade