Die Wahrheit über die Libertinage im18. Jahrhundert

DUSADES KOMPENDIUM · No. 01
Die Wahrheit über die Libertinage im
18. Jahrhundert


Wer heute das Wort Libertinage hört, denkt schnell an ausschweifende Feste,
geheime Salons, erotische Abenteuer und eine Aristokratie, die kurz vor der
Französischen Revolution jede moralische Grenze hinter sich ließ. Dieses Bild ist
nicht völlig erfunden – aber es erzählt nur einen kleinen Teil der Wahrheit.
Der Begriff libertin bezeichnete ursprünglich weniger einen hemmungslosen
Verführer als einen Freigeist: einen Menschen, der religiöse Dogmen,
gesellschaftliche Moral und überlieferte Autoritäten infrage stellte. Bereits im 17.
Jahrhundert existierte eine philosophische Libertinage, die sich mit Skeptizismus,
Materialismus und der Kritik an kirchlichen Wahrheitsansprüchen beschäftigte. Im
18. Jahrhundert verband sich dieses Denken zunehmend mit der Frage, ob auch die
Moral des Körpers lediglich eine gesellschaftliche Konstruktion sei.
Sexuelle Freiheit konnte deshalb Teil libertiner Lebensführung sein, war aber
keineswegs deren einziger Inhalt. Der Libertin stellte eine gefährliche Frage:
Warum soll etwas verboten sein, nur weil Kirche, Tradition oder gesellschaftliche
Konvention es verbieten? Genuss, Selbstbestimmung und individuelles Begehren
wurden damit zu philosophischen Fragen.
Die berühmten Verführer der Literatur spiegelten diese Haltung wider. In Werken
wie Les Liaisons dangereuses von Choderlos de Laclos erscheint Libertinage
allerdings keineswegs als romantisches Ideal. Verführung wird dort zum Machtspiel,
Menschen werden manipuliert und gesellschaftliche Regeln zugleich benutzt und
verspottet. Libertinage konnte Befreiung bedeuten – aber ebenso Egoismus,
Zynismus und Herrschaft über andere.
Ihre radikalste literarische Zuspitzung fand diese Gedankenwelt beim Marquis de
Sade. Bei ihm wird die Befreiung von Moral bis zu ihrem äußersten Punkt gedacht:
Was geschieht, wenn der Mensch tatsächlich keine höhere moralische Instanz mehr
anerkennt? Sades Texte sind deshalb nicht einfach Berichte über das tatsächliche
Leben der Aristokratie. Sie sind extreme literarisch-philosophische
Versuchsanordnungen, in denen Freiheit, Macht, Natur, Religion und Moral
gegeneinander ausgespielt werden.
Auch das populäre Bild eines vollkommen verdorbenen französischen Adels ist mit
Vorsicht zu betrachten. Geheime Liebschaften, Mätressen, erotische Literatur und
gesellschaftliche Doppelmoral existierten durchaus. Doch die spektakulären
Geschichten von Orgien und grenzenloser Ausschweifung wurden zugleich durch
Gerüchte, Skandalschriften und politische Propaganda vergrößert.