Der Mensch in der Manege des Seins
Der Vorhang hebt sich.
Der Mensch betritt die Manege. Nicht nackt, nicht frei – sondern bereits kostümiert.
Wir sind Kinder, Partner, Eltern, Freunde, Arbeitnehmer, Vorgesetzte. Wir sind
höflich, wenn Höflichkeit erwartet wird. Stark, wenn Schwäche unerwünscht ist.
Angepasst, wenn Widerspruch seinen Preis besitzt.
Und irgendwann stellt sich die Frage:
Wie viel von dem, was wir sind, haben wir tatsächlich selbst
gewählt?

Von Kindesbeinen an lernen wir unsere Rollen. Man lobt das erwünschte Verhalten
und tadelt das unbequeme. Familie, Gesellschaft, Religion und Moral reichen uns
Masken – und wir lernen erstaunlich schnell, welche davon wir zu welcher
Vorstellung tragen müssen.
Das macht uns nicht zwangsläufig zu Heuchlern. Es macht uns zu sozialen Wesen.
Denn wer vollkommen ohne Rücksicht auf Erwartungen lebt, riskiert Ablehnung.
Wer hingegen ausschließlich erfüllt, was andere von ihm verlangen, riskiert etwas
anderes: sich selbst.
Vielleicht besteht unsere Freiheit deshalb nicht darin, sämtliche Masken abzulegen.
Manche schützen uns. Manche ermöglichen Gemeinschaft. Manche gehören längst
zu uns.
Gefährlich wird es erst, wenn wir vergessen, dass wir sie tragen. Wenn aus „Man
erwartet es von mir“ irgendwann „So bin ich“ geworden ist.
Der Zirkus des Lebens benötigt keine Peitsche, um seine Artisten in der Manege zu
halten. Oft genügt Applaus.
Wir spielen unsere Rollen, verbeugen uns, lächeln – und warten auf die Zustimmung
des Publikums.
Doch irgendwann erlischt das Licht. Der Vorhang fällt. Das Publikum geht nach
Hause.
Und dann bleibt nur eine Frage:
Wer bist du, wenn niemand mehr zusieht?
Willkommen in der Manege des Seins.
— Alexandre Dusade