Der Mensch erschuf Götter. Oder die Götter erschufen den Menschen.
Seit Jahrtausenden streiten wir darüber – und bisweilen sterben
Menschen dafür.
Glaube spendete Hoffnung, wo Verzweiflung herrschte. Er schuf Gemeinschaft,
Kunst, Trost und die Gewissheit, dass hinter dem Chaos vielleicht doch ein Sinn
verborgen liegt.
Doch derselbe Glaube wurde auch zur Rechtfertigung von Verfolgung,
Unterdrückung und Gewalt.
Nicht zwingend, weil Religion Gewalt verlangt – sondern weil der Mensch eine
gefährliche Gabe besitzt: Er kann aus Überzeugung Gewissheit machen. Und aus
Gewissheit einen Anspruch auf Wahrheit.

Wer glaubt, die absolute Wahrheit zu besitzen, muss den Zweifel nicht mehr
ertragen. Der Andersdenkende wird zum Irrenden. Der Ungläubige zum Feind. Und
plötzlich kann selbst Grausamkeit als Tugend erscheinen, sofern man sie im Namen
des Richtigen begeht.
Vielleicht ist deshalb nicht der Glaube selbst die Geißel des Menschen. Vielleicht
beginnt sie dort, wo der Mensch seinen Glauben benutzt, um Macht, Moral und
Gewalt zu heiligen.
Denn der gefährlichste Fanatiker ist nicht jener, der weiß, dass
er Böses tut. Es ist jener, der überzeugt ist, das Gute zu
vollstrecken.
— Alexandre Dusade