Du sollst nicht. Kaum hat der Mensch diese Worte ausgesprochen, beginnt ein
anderer bereits darüber nachzudenken, wie es sich wohl anfühlen mag, es doch zu
tun.
Das Verbot besitzt eine eigentümliche Macht. Was erlaubt ist, wird alltäglich. Was
verborgen, verpönt oder untersagt wird, erhält dagegen einen Reiz, den die Sache
selbst vielleicht niemals besessen hätte.
Wir nennen es Sünde. Doch die Sünde benötigt zuerst eine
Moral, gegen die sie verstoßen kann.
Vielleicht liegt genau darin ihr Zauber. Die verbotene Tür verspricht etwas hinter
sich. Die gesellschaftliche Grenze weckt die Neugier auf das Jenseits. Und aus dem
schlichten Begehren entsteht durch das Verbot plötzlich ein Akt der Rebellion.

Der Libertin verstand dieses Spiel nur zu gut. Nicht jede Grenze wird überschritten,
weil dahinter etwas Besseres wartet. Manchmal genügt bereits das berauschende
Bewusstsein, dass man nicht dort sein dürfte.
Seit Jahrhunderten versucht der Mensch deshalb, seine Begierden mit Geboten,
Gesetzen und Moralvorstellungen zu zähmen. Und seit ebenso langer Zeit findet er
Vergnügen daran, sie zu umgehen.
Vielleicht kann der Mensch das Sündigen nicht lassen, weil die Sünde ihm etwas
bietet, das die Tugend nur selten vermag:
den kurzen, köstlichen Augenblick, in dem aus „Du darfst
nicht“ ein „Ich tue es trotzdem“ wird.
— Alexandre Dusade