Die groteske Fratze der Gesellschaft

Wir betrachten die Gesellschaft, als wäre sie etwas, das außerhalb von uns existiert.
Ein monströses Gebilde aus Gier, Eitelkeit, Gewalt, Neid und Heuchelei, über dessen
Auswüchse wir uns empören können, während wir selbst scheinbar unbeteiligt am
Rande der Manege sitzen.
Doch dort sitzen wir nicht.
Wir stehen mitten darin.
Wir nähren uns an den ausgemergelten Zitzen der Gesellschaft, saugen gierig an
ihnen, als müsse ihre Milch niemals versiegen. Wohlstand. Anerkennung.
Unterhaltung. Empörung. Aufmerksamkeit. Immer mehr – und möglichst sofort.
Wir trinken, bis keine Milch mehr kommt.
Und selbst wenn schließlich nur noch Blut in unsere Münder läuft, fragen wir nicht,
ob wir vielleicht längst genug genommen haben. Wir beklagen lediglich den
Geschmack.
Das Groteske daran?


Der Mensch ist Voyeur und Akteur zugleich.
Wir betrachten den Skandal und erschaffen ihn. Wir verurteilen die Gier und wollen
dennoch mehr besitzen. Wir beklagen die Verrohung und ergötzen uns an ihren
Bildern. Wir zeigen mit dem Finger auf jene, die vermeintlich für den Verfall
verantwortlich sind – und bemerken nicht, dass drei Finger zurück in unsere
Richtung weisen.
Die Gesellschaft besitzt keine eigene Fratze.
Wir leihen ihr unsere.
Jeder von uns betritt täglich ihre Manege. Wir spielen unsere Rollen, folgen
Erwartungen, konsumieren die Vorstellungen der anderen und warten anschließend
darauf, dass jemand über unser eigenes Schauspiel urteilt.
Publikum und Artist. Richter und Angeklagter. Voyeur und Akteur.
Vielleicht ist Gesellschaft deshalb weder das Monster über uns noch die Bestie vor
unserer Tür.
Sie ist die Summe dessen, was wir dulden, verlangen, belohnen – und selbst tun.
Und wenn uns ihre groteske Fratze eines Tages tatsächlich unerträglich erscheint,
sollten wir vielleicht nicht länger fragen, wer dieses Monster erschaffen hat.

Wir sollten in den Spiegel sehen.
Mit etwas Pech erkennen wir dort:
Es hatte niemals ein anderes Gesicht als unseres.


— Alexandre Dusade