Der freie Wille

Der freie Wille
Illusion oder Teil der Manege?
Wir sprechen gerne von Freiheit.
Von der Freiheit zu lieben, zu glauben, zu begehren oder zu verweigern. Wir
erklären unsere Entscheidungen zu unserem Eigentum und den eigenen Willen zum
Beweis unserer Individualität.
Doch die Geschichte des freien Willens beginnt mit einem bemerkenswerten
Widerspruch:
Die erste und folgenreichste Entscheidung unseres Lebens
wurde niemals von uns getroffen.
Kein Mensch wurde gefragt, ob er geboren werden möchte.
Niemand durfte entscheiden, ob er das Licht dieser Welt erblicken, welchen Körper
er bewohnen oder in welche Familie, Gesellschaft und Epoche er hineingeboren
werden möchte.


Wir betreten die Manege, ohne um Eintritt gebeten zu haben.
Und kaum sind wir darin, beginnt die Vorstellung.
Andere geben uns einen Namen. Sie lehren uns Sprache, Gut und Böse, Gott oder
dessen Abwesenheit. Herkunft, Erziehung, Erfahrungen, Ängste und Begierden
formen uns, lange bevor wir darüber nachdenken können, wer wir eigentlich sein
wollen.
Und irgendwann sagt man uns:
Nun entscheide dich frei.
Doch wie frei kann eine Entscheidung sein, wenn derjenige, der sie trifft, selbst das
Ergebnis von Umständen ist, die er niemals gewählt hat?
Vielleicht bedeutet Freiheit deshalb nicht, ohne Einflüsse zu existieren.
Wir können Erwartungen widersprechen, Überzeugungen hinterfragen und Rollen
verlassen, die andere längst für uns geschrieben hatten.
Vielleicht ist der freie Wille weder grenzenlose Freiheit noch bloße Illusion.
Vielleicht ist er nur jener kleine Raum zwischen den Kulissen, die bereits standen,
als wir die Bühne betraten.

Wir wählen nicht die Manege. Wir wählen nicht unsere erste
Rolle. Aber vielleicht können wir beeinflussen, wie wir sie
spielen.
Wir wurden ungefragt auf diese Bühne gestellt und verbringen unser Leben damit,
nach Freiheit zu suchen.
Vielleicht lautet die entscheidende Frage deshalb nicht:
„Bin ich frei?“
Sondern:
„Wie viel von dem, was ich für meinen eigenen Willen halte,
wurde mir beigebracht zu wollen?“
Willkommen in der Manege.


— Alexandre Dusade