Der moderne Mensch

Voyeur der eigenen Dekadenz
Wir leben in einer bemerkenswerten Zeit.
Noch niemals zuvor konnte der Mensch das Leid seiner eigenen Spezies derart
unmittelbar betrachten.
Kriege flimmern über unsere Bildschirme. Städte werden zerstört, Menschen
fliehen, Kinder hungern. Gleichzeitig beobachten wir Dürren, Überschwemmungen,
schmelzendes Eis und brennende Wälder – Symptome einer sich erwärmenden Welt.
Wir sehen es.
Und wischen weiter.

Vielleicht ist das die besondere Dekadenz unserer Zeit: Nicht, dass wir nichts
wissen. Sondern dass wir beinahe alles sehen können.
Das Leid der Welt passt heute in unsere Hosentasche. Zwischen Urlaubsbildern,
Werbung und Unterhaltung erscheint für wenige Sekunden eine menschliche
Tragödie.
Wir erschrecken. Wir empören uns. Vielleicht hinterlassen wir ein Symbol unserer
Anteilnahme.
Dann kommt das nächste Bild.
Der moderne Mensch ist längst nicht mehr bloß Zuschauer seiner Zeit.
Er ist Voyeur der eigenen Dekadenz.

Wir betrachten Kriege und beklagen Gewalt, während Konflikte zugleich zu Bildern,
Schlagzeilen und Inhalten werden. Wir sorgen uns um den Klimawandel und leben
dennoch innerhalb einer Konsumwelt, deren Bequemlichkeiten wir nur ungern
aufgeben.
Doch die vielleicht verstörendste Form unserer Gleichgültigkeit benötigt weder
Krieg noch globale Katastrophe.
Manchmal sitzt sie neben uns.
Der einsame alte Mensch. Der Obdachlose am Straßenrand. Die überforderte
Mutter. Der Kollege, dessen Lächeln längst nur noch Fassade ist.
Für das Leid am anderen Ende der Welt finden wir große Worte.
Am Menschen vor unserer eigenen Tür gehen wir schweigend
vorbei. Nicht immer aus Bosheit. Vielleicht aus Überforderung. Vielleicht aus Gewöhnung.
Vielleicht weil eine Welt, die ununterbrochen nach unserer Aufmerksamkeit
verlangt, uns beigebracht hat, wegzusehen, um überhaupt weiterzumachen.
Und genau darin liegt der Widerspruch:
Wir besitzen ungeahnte Möglichkeiten, das Schicksal anderer Menschen
wahrzunehmen – und können gleichzeitig erschreckend gut darin sein, einander
nicht mehr zu sehen.

Vielleicht wird unsere Epoche eines Tages deshalb nicht danach beurteilt, wie viel
sie wusste. Sondern danach, was sie mit diesem Wissen tat.
Wir sitzen in der Manege, betrachten die Vorstellung und schütteln über die
Dekadenz unserer Zeit den Kopf.
Dabei vergessen wir nur eine Kleinigkeit:
Wir sind nicht das Publikum.
Wir kaufen die Eintrittskarten. Wir errichten die Kulissen. Wir stehen selbst im
Scheinwerferlicht.
Und während wir auf den nächsten Skandal, den nächsten Krieg und die nächste
Katastrophe blicken, sollten wir vielleicht gelegentlich den Blick vom Bildschirm
heben.
Denn möglicherweise beginnt Menschlichkeit nicht damit, die ganze Welt retten zu
wollen.
Sondern damit, den Menschen neben uns wieder
wahrzunehmen.
Willkommen in der Manege.


— Alexandre Dusade