Jahrhundertelang fürchtete der Mensch die Toten. Man öffnete Gräber, pfählte
Leichname und suchte nach Zeichen dafür, dass etwas des Nachts zurückgekehrt
war, um den Lebenden ihre Kraft – oder ihr Blut – zu rauben.
Wir nannten es Vampir. Doch vielleicht erschreckte uns an
diesem Wesen nie allein das Übernatürliche.

Der Vampir existiert, indem er nimmt. Er begehrt, verführt und nährt sich von
anderen. Sein eigener Fortbestand rechtfertigt das Opfer seines Gegenübers. Reue
ist dabei hinderlich, Moral ein Luxus der Satten.
Aber ist uns dieser Gedanke wirklich so fremd? Auch der Mensch lebt auf Kosten
anderen Lebens. Er begehrt, besitzt, verbraucht und sucht nach immer mehr. Macht,
Lust, Anerkennung, Reichtum – unser Hunger trägt lediglich andere Namen.
Vielleicht gaben wir unserem eigenen Hunger lediglich Zähne.
Und während wir Knoblauch an die Türen hängten und Kreuze über unsere Betten
hielten, übersahen wir das einzige Monster, das niemals um Einlass bitten musste.
Uns selbst.
— Alexandre Dusade