Der Mensch erfand die Moral. Die Natur nicht.
Sie kennt weder Schuld noch Sünde, weder Tugend noch Verbrechen. Sie erschafft
Leben und vernichtet es wieder. Das Raubtier tötet, der Parasit nimmt, was er zum
Überleben benötigt, und aus Verfall entsteht neues Leben.
Die Natur rechtfertigt sich nicht.
Gerade darin könnte sie als die vollkommenste Libertine erscheinen: frei von jedem
moralischen Urteil, gleichgültig gegenüber unseren Vorstellungen von Gut und
Böse.

Doch vielleicht begehen wir dabei einen typisch menschlichen Fehler. Vielleicht ist
die Natur weder grausam noch frei. Vielleicht will sie überhaupt nichts.
Evolution kennt keinen moralischen Plan. Mutation, Selektion, Konkurrenz und
Zufall benötigen weder Absicht noch Gewissen. Was wir als Grausamkeit oder
Schönheit betrachten, erhält diese Bedeutung erst durch uns.
Und dennoch suchten Philosophen immer wieder in der Natur nach einer
Rechtfertigung menschlichen Handelns – auch der Marquis de Sade.
Ist alles natürlich, was der Mensch begehrt – oder nennt er es
nur Natur, sobald er eine Entschuldigung für sein Begehren
benötigt?
Vielleicht ist Mutter Natur keine Libertine. Vielleicht ist sie etwas weitaus
Beunruhigenderes: gleichgültig.
— Alexandre Dusade