Von den Zehn Geboten zum Gesetzbuch

Du sollst nicht. Vielleicht gehören diese drei Worte zu den ältesten Begleitern der
menschlichen Zivilisation.
Die Zehn Gebote verboten Mord, Diebstahl, Ehebruch und Begierde. Jahrhunderte
vergingen, Religion verlor vielerorts ihre Rolle als alleinige moralische Instanz, und
aus göttlichen Geboten wurden weltliche Gesetze, Paragraphen und
gesellschaftliche Normen.


Doch eines blieb: Der Mensch erschafft Grenzen.
Weil Gemeinschaft ohne Regeln kaum bestehen kann. Weil unser Begehren dort
enden muss, wo es den anderen bedroht. Weil wir Schutz vor genau jenen Trieben
suchen, von denen wir wissen, dass sie auch in uns selbst schlummern.
Und dennoch besitzt das Verbot eine seltsame Verführungskraft. Was erlaubt ist,
wird selbstverständlich. Was verboten wird, erhält plötzlich einen Reiz.
Der Marquis de Sade machte aus diesem Widerspruch beinahe ein Prinzip: Die
Grenzüberschreitung verliert ihren Rausch, wenn keine Grenze mehr existiert. Der
Libertin benötigt die Moral, gegen die er rebelliert – denn ohne das „Du sollst nicht“
gäbe es kein lustvolles „Ich tue es trotzdem.“


Seit Jahrtausenden schreiben wir neue Gebote, Gesetze und
Paragraphen. Und seit Jahrtausenden sucht der Mensch nach
der Hintertür.


— Alexandre Dusade