Der Mensch nennt es Moral. Ein Geflecht aus Geboten, Verboten und Werten, mit
dem wir Gut und Böse voneinander zu trennen versuchen.
Doch vielleicht dient Moral nicht nur dazu, unser Handeln zu begrenzen. Vielleicht
dient sie ebenso dazu, es zu rechtfertigen.
Wir verurteilen Gewalt – und erklären sie für notwendig, sobald sie unserem Zweck
dient. Wir verdammen Grausamkeit – und nennen sie Gerechtigkeit, wenn wir
glauben, der andere habe sie verdient. Wir verlangen Ehrlichkeit – bis uns die
Wahrheit selbst zum Nachteil gereicht.
Der Mensch bricht seine Moral nicht immer. Manchmal
verändert er sie einfach so lange, bis sein Handeln wieder
moralisch erscheint.

Der Marquis de Sade trieb diese Frage ins Extrem. Seine Libertins schaffen ihre
eigene Moral, indem sie die bestehende verwerfen. Nicht weil sie ohne Regeln leben sondern weil sie Regeln erschaffen, die ihren Begierden entsprechen.
Vielleicht ist Moral deshalb nicht nur der Käfig des Monsters in uns. Vielleicht ist sie
manchmal die Stimme, die ihm erklärt, warum es im Recht ist.
— Alexandre Dusade