Wir betrachten das 18. Jahrhundert gern aus sicherer Entfernung. Perücken. Prunk.
Revolution. Dekadenz. Eine Welt, deren Abgründe längst unter dem Staub der
Geschichte begraben scheinen.
Doch wer genauer hinsieht, erkennt etwas Beunruhigendes: uns selbst.
Der Adel inszenierte Tugend und verbarg seine Ausschweifungen. Philosophen
stellten alte Wahrheiten infrage. Religion und Vernunft rangen um Deutungshoheit.
Gerüchte wurden zu Waffen, gesellschaftliche Empörung zum Instrument – während
hinter der Fassade um Einfluss, Lust und Macht gekämpft wurde.

Die Kostüme haben sich verändert. Der Mensch nicht.
Noch immer erschaffen wir Moral und brechen sie, sobald sie unseren Bedürfnissen
im Wege steht. Noch immer verurteilen wir öffentlich, was wir heimlich begehren.
Noch immer erklären wir die eigene Wahrheit zur einzig richtigen.
Vielleicht studieren wir Geschichte deshalb nicht nur, um zu erfahren, wer wir
waren. Sondern um zu erkennen, wer wir geblieben sind.
Das 18. Jahrhundert ist vergangen. Seine Menschen begegnen
uns jeden Tag.
— Alexandre Dusade