No. XXII — Die Existenz des Individuums
Ein beiläufiges Aufglimmen im Kosmos
Wir halten uns für bedeutsam.
Wir lieben, hassen, hoffen, leiden. Wir erschaffen Götter, ziehen Grenzen, führen Kriege und hinterlassen Namen auf Grabsteinen – als müsse das Universum davon Kenntnis nehmen, dass wir existiert haben.
Doch der Kosmos schweigt.
Milliarden Jahre vergingen, bevor der erste Mensch zum Himmel blickte. Sterne entstanden und vergingen. Galaxien formten sich, Welten wurden geboren und vernichtet.
Und irgendwann erschien der Mensch.
Ein beiläufiges Aufglimmen im Raum-Zeit-Gefüge.

Und das Individuum?
Einige Jahrzehnte zwischen zwei Ewigkeiten des Nichtexistierens.
Wir erhalten einen Namen, lieben, begehren, streiten, sammeln Besitz und Anerkennung – und leben dabei häufig, als stünde uns die Ewigkeit zur Verfügung.
Dabei explodieren Sterne, deren Licht uns vielleicht erst erreicht, wenn von unserer Zivilisation längst nichts mehr übrig ist.
Welch groteske Diskrepanz zwischen unserer Bedeutung für uns selbst und unserer Bedeutung für den Kosmos.
Doch vielleicht macht gerade diese Bedeutungslosigkeit unser Dasein kostbar.
Für einen winzigen Moment besitzt Materie Bewusstsein.
Sie öffnet die Augen.
Sie betrachtet das Universum.
Sie liebt.
Sie fragt.
Und schließlich erlischt sie wieder.
Der Vorhang hob sich lange vor uns und wird lange nach uns geöffnet bleiben.
Wir besitzen lediglich einige wenige Szenen.
Also bleibt nur eine Frage:
Was machen wir mit unserem kurzen Augenblick im Licht?
— Alexandre Dusade