Hinter der Maske

No. XXIII — Hinter der Maske

Jason Voorhees, Leatherface, Michael Myers – die Faszination des gesichtslosen Killers

Ein Mann mit einer Hockeymaske.

Ein Hüne mit dem Gesicht eines anderen.

Eine regungslose weiße Maske, hinter deren Augenhöhlen scheinbar nichts mehr wohnt. Jason Voorhees, Leatherface und Michael Myers gehören zu den Ikonen des modernen Horrors.

Doch vielleicht verdanken sie einen beträchtlichen Teil ihrer Faszination gerade dem, was wir nicht sehen dürfen.

Das Gesicht.

Seit Jahrtausenden lesen wir Menschen in Gesichtern. Freude. Zorn. Angst. Schmerz. Reue. Das Gesicht macht aus einem Fremden ein Gegenüber.

Die Maske verweigert uns genau das.

Sie nimmt dem Monster den Menschen.

Jason schreitet hinter einer Hockeymaske voran. Michael Myers trägt eine nahezu ausdruckslose weiße Hülle. Leatherface verbirgt sich hinter Masken aus menschlicher Haut – als müsse er sich buchstäblich ein Gesicht aneignen.

Drei sehr unterschiedliche Figuren. Und doch verbindet sie etwas:

Wir können sie ansehen, ohne ihnen wirklich ins Gesicht zu sehen.

Vielleicht macht sie gerade das so wirkungsvoll.

Eine Maske lächelt nicht. Sie empfindet keinen Schmerz. Sie zeigt keine Reue. Wir können nicht erkennen, ob hinter ihr Wut, Freude oder überhaupt etwas liegt.

Der Mensch verschwindet – und übrig bleibt eine Silhouette.

Eine Bewegung.

Ein Geräusch.

Eine Erwartung.

Und plötzlich wird aus einem Mann eine Idee.

Jason ist nicht länger bloß ein Killer am See. Michael nicht einfach ein Mann mit einem Messer. Leatherface nicht lediglich der mörderische Bewohner eines Hauses.

Sie werden zu Projektionsflächen unserer Angst.

Denn was wir nicht erkennen können, ergänzen wir selbst.

Vielleicht ist deshalb der Augenblick, in dem ein maskierter Killer regungslos am Ende eines Flures steht, mitunter wirkungsvoller als jede noch so drastische Gewaltdarstellung.

Er tut nichts.

Noch nicht.

Und unsere Fantasie erledigt den Rest.

Doch die Maske besitzt noch eine zweite, unangenehmere Bedeutung.

Wir selbst tragen welche.

Nicht aus Latex oder Leder, sondern aus Höflichkeit, gesellschaftlicher Erwartung und Selbstinszenierung. Wir zeigen der Welt jene Gesichter, von denen wir glauben, dass sie gesehen werden sollen.

Der maskierte Killer kehrt dieses Prinzip um.

Seine Maske verbirgt nicht die gesellschaftsfähige Fassade.

Sie verbirgt das, was darunter noch vom Menschen übrig ist.

Vielleicht faszinieren uns Jason Voorhees, Leatherface und Michael Myers deshalb seit Jahrzehnten nicht allein, weil sie töten.

Sondern weil sie eine uralte menschliche Angst verkörpern:

einem Wesen gegenüberzustehen, dessen Gesicht wir nicht lesen können.

Keine Empathie.

Keine Verhandlung.

Keine erkennbare Reue.

Nur eine Maske.

Und dahinter die Frage, die Dusades Kompendium zwangsläufig stellen muss:

Fürchten wir das Monster hinter der Maske – oder die Möglichkeit, dass sich darunter ein Mensch befindet?

— Alexandre Dusade