Das geschriebene Wort

No. XXIV — Das geschriebene Wort

Von der Kerbe im Ton zur Unsterblichkeit

Bevor der Mensch Bücher schrieb, hinterließ er Zeichen.

Er ritzte Symbole in Ton, meißelte Bilder in Stein und bedeckte Wände mit Hieroglyphen. Die frühen Schriftsysteme Mesopotamiens und Ägyptens dienten zunächst sehr weltlichen Dingen: Besitz, Handel, Verwaltung, Herrschaft und Religion.

Doch irgendwann geschah etwas Bemerkenswertes.

Der Mensch begann nicht mehr nur festzuhalten, was er besaß.

Er schrieb auf, was er dachte.

Mythen überlebten ihre Erzähler. Herrscher sprachen noch Jahrhunderte nach ihrem Tod. Gebete, Gesetze, Liebesgedichte und Geschichten konnten Menschen erreichen, die der Schreibende niemals kennenlernen würde.

Das geschriebene Wort hatte eine Grenze überwunden.

Die Zeit.

Papyrus ersetzte nicht den Stein, Pergament nicht einfach den Papyrus, Papier nicht bloß das Pergament. Mit jedem Wandel wurde das menschliche Gedächtnis größer.

Dann kamen Handschriften, Bücher und schließlich der Buchdruck.

Was einst wenigen Schreibern, Priestern und Gelehrten vorbehalten war, konnte sich zunehmend verbreiten.

Ideen wurden gefährlich mobil.

Religionen reisten durch Texte. Philosophen widersprachen den Toten. Revolutionäre verbreiteten Gedanken. Dichter erschufen Welten.

Und aus Zeichen, die einst Getreidemengen und Abgaben festhielten, entstanden irgendwann Romane.

Welch erstaunlicher Weg.

Heute tippen wir Buchstaben auf Glasflächen und können innerhalb weniger Augenblicke Worte um die Welt schicken.

Das Werkzeug hat sich verändert.

Der menschliche Wunsch dahinter kaum.

Wir wollen etwas hinterlassen.

Vielleicht schreiben wir deshalb überhaupt.

Weil der Mensch weiß, dass seine Stimme verstummen wird.

Der Körper vergeht. Erinnerungen verblassen. Selbst Namen verschwinden irgendwann.

Doch irgendwo kann ein Satz zurückbleiben.

Ein Gedanke.

Eine Geschichte.

Ein paar Worte, geschrieben von einem Menschen, der längst zu Staub geworden ist – und gelesen von Augen, deren Geburt er niemals erleben konnte.

Vielleicht ist Literatur deshalb eine der elegantesten Formen menschlicher Auflehnung gegen die Vergänglichkeit.

Wir wissen, dass wir sterben.

Also schreiben wir:

„Ich war hier.“

Und manchmal antwortet Jahrtausende später jemand:

„Ich habe dich gelesen.“

— Alexandre Dusade