Ein unterirdischer Tempel. Ein Kreis privilegierter Männer. Spott über Religion,
Lust am Skandal und das Vergnügen, jene Grenzen zu berühren, welche die
Gesellschaft für heilig erklärte.
Der Hellfire Club des 18. Jahrhunderts wurde zum Sinnbild einer aristokratischen
Gegenwelt. Francis Dashwood und seine Gefährten trafen sich in einem Umfeld aus
inszenierter Geheimniskrämerei, klassischer Mythologie und Provokation. Um ihre
Zusammenkünfte entstanden Geschichten von Ausschweifungen und satanischen
Ritualen – manches davon historisch greifbar, vieles durch Legende vergrößert.

Mehr als ein Jahrhundert später betrat Aleister Crowley eine ganz andere Bühne.
Okkultist. Provokateur. Selbsternanntes „Great Beast 666“.
Sein berühmtes thelemisches Prinzip „Do what thou wilt“ bedeutete allerdings nicht
schlicht: Tu, worauf du gerade Lust hast. Dahinter stand die Vorstellung eines
„Wahren Willens“, den der Mensch erkennen und verwirklichen müsse.
Und doch verbindet Crowley und den Mythos des Hellfire Clubs etwas, das perfekt
in Dusades Kompendium gehört:
die Faszination der Grenzüberschreitung.
Religion wird umgedreht. Das Verbotene wird zum Ritual. Was die Gesellschaft als
anstößig betrachtet, erhält gerade dadurch seinen Reiz.
Vielleicht benötigen wir deshalb Gestalten wie Crowley und Legenden wie jene des
Hellfire Clubs. Nicht weil sie uns zeigen, wie das Böse aussieht. Sondern weil sie
eine wesentlich unangenehmere Frage stellen:
Wenn niemand mehr „Du sollst nicht“ sagt – wissen wir dann
überhaupt noch, was wir wirklich wollen?
— Alexandre Dusade