Wie freizügig war der Adel tatsächlich?

Orgien hinter goldenen Türen. Mätressen in seidernen Betten. Maskenbälle,
geheime Salons und eine Aristokratie ohne Scham. So stellen wir uns das 18.
Jahrhundert gerne vor. Doch die Wahrheit ist komplizierter.


Affären und Mätressen waren insbesondere an manchen europäischen Höfen
keineswegs ungewöhnlich. Ehen dienten häufig Besitz, Rang und politischen
Verbindungen – Liebe war dabei nicht zwingend vorgesehen. Was offiziell als Sünde
galt, konnte hinter verschlossenen Türen erstaunlich großzügig behandelt werden.
Doch daraus eine Gesellschaft permanenter Ausschweifung zu machen, wäre
Legende. Auch der Adel lebte unter strengen Regeln von Stand, Religion und
Reputation. Gerade deshalb besaß der Skandal solche Macht: Man konnte heimlich
gegen die Moral verstoßen – öffentlich musste der Schein gewahrt bleiben.
Hinzu kamen Pamphlete und Skandalschriften, die sexuelle Gerüchte genüsslich
ausschlachteten. Dekadenz wurde zur politischen Waffe.
Öffentlich Tugend predigen – und privat nach anderen Regeln
leben.


Die interessanteste Frage lautet also nicht, wie verdorben das 18. Jahrhundert war.
Sondern wie viel seiner Doppelmoral uns vertraut vorkommen sollte.


— Alexandre Dusade